LIBERATION IN PROGRESS / Buchpräsentation am 8.6.2013 mit Herbert Nichols-Schweiger

Buchpräsentation 8. Juni 2013:

 

„LIBERATION IN PROGRESS“

ZOLLAMT Bad Radkersburg

 

Bei dieser Gelegenheit wurden erstmals die US-StipendiatInnen der Steirischen Kulturinitiative 2013 und Will Continoe (Alfred University NY), ihr
Kunstprofessor und Liberation-Begleiter seit 2010, vorgestellt.

„Liberation in Progress“ (Leykam Verlag) zeichnet die Geschichte vom „lonley man“ Josef Schützenhöfer zur KünstlerInnen-Initiative nach – fast wie im Märchen:

Once upon a time there was Josef Schützenhöfer. He lived in a small village in Eastern Styria…

Da rief die größere Welt, die USA. Aber: statt Tellerwäscher wurde er Zahntechniker. Diesen Beruf brauchte er zum Überleben. Sein Leben aber füllt die Kunst.

Nach vielen Jahren kam er 1997 zurück in den kleinen Markt Pöllau, mit amerikanischer Frau und bi-kontinentalem Kind. Der Markt ist während seiner Abwesenheit größer geworden, der Geist der Gemeindeväter (-mütter gab es damals noch weniger als heute) blieb klein.

Josef Schützenhöfer fielen viele inferiore Reste einer unverdauten Ideologie auf, am härtesten traf ihn

• das Kriegerdenkmal, groß wie ein Hochaltar, nur mit deutschen „Helden“ beschrieben,

und

• die Jahn-Turnhalle mit einem Hackenkreuz, gerundet wie der Buckel vieler Einwohner.

Wann immer, was immer Josef Schützenhöfer davon enttarnte, ER wurde zum Störenfried… Jeder Satz, jeder Brief an die Gemeindeverwaltung wurde nicht als Anregung verstanden, sondern in eine Beleidigung umgemünzt.

Im Grunde war er zurückhaltend: er wollte nicht die für das Deutsche Reich gefallenen Österreicher auf ihre Verstrickungen in den Nationalsozialismus untersuchen. Nein, er wollte und will immer noch die gefallenen Amerikaner, überhaupt die Alliierten, auf das angeblich den Kriegsopfern gewidmete Denkmal bringen – oder noch besser: für sie ein eigenes schaffen.

Damit sind wir beim Punkt: Natürlich ist Josef Schützenhöfer (die) Geschichte wichtig, im speziellen Fall das Aufeinandertreffen von faschistisch kontaminierten Soldaten mit den alliierten Streitkräften. Und die sofort mit Kriegsende eintretende „Vergesslichkeit“ und das Zurückdrängen der Befreier (!) bis zum geistigen Ausradieren dieses Begriffs in Österreich. Kein Platz, keine Straße ist nach ihnen benannt.

Aber er will das mit Kunst beantworten, mit seiner Kunst – so paradox sich das liest: er will Geschichte mit seinen Kunst-Mitteln als Wirklichkeit erkennbar machen. Deshalb ist es keine Dorfgeschichte.

Darüber ließe sich lange erzählen, aber dafür gibt es das Buch in den beiden Sprachen der Kontrahenten, von Janice Schützenhöfer – sozusagen familiär mit viel stressiger Arbeit – ins Englische übertragen. Mit seinen schlussendlich vielen MitstreiterInnen rollt Josef Schützenhöfer diesen Komplex neu auf. Und dieser Versuch geht weit über das hinaus, wogegen sich einige Pöllauer glauben wehren zu müssen.

Ohne Josef Schützenhöfers Antrieb wäre dieser weit ausholende Schritt nicht denkbar. Der wäre auch ohne Klaus Zeyringer nicht gelungen, den Germanisten in Angers, Graz und Wien. Als gebürtiger Pöllauer hat er sich mit seinem Gewicht als Universitätsprofessor und Literaturkritiker für eine Korrektur dieser Verhärtungen eingesetzt. Und ohne die beharrliche, langjährige Berichterstattung von Franz Brugner in der Kleinen Zeitung wäre nicht einmal die kritische Öffentlichkeit wach geworden. Ihm ist das Buch  zu Recht gewidmet.

Sein Sohn Simon Brugner hatte dabei die Glanzrolle eines jungen Lebens: neben zwei „alten Hasen“ wurde er zum Producer eines Buches, dessen endgültige Fassung ihn nur überrascht haben konnte. Er hat sich bravourös geschlagen und einige Nächte sehr kurz halten müssen.

Joachim Baur war einer dieser beiden Erfahrenen – mit klarem Plan, reicher Kenntnis und von konstruktiver Subversion durchdrungen wuchs das Werk schubartig von Tag zur Nacht und von dort weiter zum nächsten Tag. Immer ein neues Thema im Kopf, immer neue Darstellungsmöglichkeiten präsentierend und trotzdem kongenial sein graphisches Konzept ausfüllend.

Der Rest ist Lesen.

Auch dieses Projekt steht als weiter offenes in einem zeitlichen und kausalen Zusammenhang zum 75. Jahrestag des sogen. „Anschlusses“ Österreichs an das Dritte Reich. Weder das Land Steiermark noch die Stadt Graz haben sich 2013 Vergleichbares vorgenommen.

Umso befremdlicher ist eine Wortmeldung des Grazer Bürgermeisters. Auf seine Vergesslichkeit in einer Gratiszeitung – sicher nicht gegen seinen Willen  – angesprochen, fällt ihm nur ein: „… wir fördern seit Jahren zahlreiche Bildungsprojekte … gegen Gewalt und Rassismus, damit Ressentiments beziehungsweise Rassismus bekämpft und Vorurteile abgebaut werden“. Und außerdem (man meint einem Wirklichkeitsverlust beizuwohnen) müsse man sich ja nicht dem Gedenkhype, wie er in manchen Städten stattfindet, anschließen. Sein Büro setzt – voller Sorge? – fort: „Man kann vor lauter Erinnern leicht auch auf die aktuellen Probleme und die Zukunft vergessen.“ So viele „man“ – kein ich, keine persönliche Betroffenheit, keine ethische Verantwortung.

Wenn dem Stadtoberhaupt der Unterschied zwischen Seminaren und Workshops zur Bewältigung von Gegenwart und Zukunft und der verpflichtenden Erinnerung an das auf den mit in brünstiger Begeisterung bejubelten „Anschluss“ folgende größte Fanal – jedenfalls der europäischen Geschichte – nicht klar ist, soll er schleunig sein Geschichtswissen auf einen erträglichen Stand bringen.

Er hätte dazu in dieser Stadt viele Gelegenheiten: u. a. die an – beinahe – 12 Standorten in Graz aufgestellten Gedenkzeichen von Jochen Gerz. Sie und ihre Texte könnten ihn an seinen vielen Wegen durch die Stadt einen ambulanten Geschichteunterricht vermitteln. Dieser ist 2009 mit einer beispielhaften Aktion des damaligen Landeskulturreferenten, dem Institut Kunst im öffentlichen Raum, der Kleinen Zeitung sowie WissenschafterInnen und der steirischen Bevölkerung mehrstufig entwickelt worden.

Da Herr Bürgermeister mit vielen anderen Angelegenheiten seiner BürgerInnen beschäftigt ist, sollte er jedoch einen kürzlich gefassten Beschluss der zuständigen Stadt-Behörde revidieren. Die hat diese Gedenkzeichen kürzlich nur mehr „letztmalig auf ein Jahr verlängert“. Bisher hat sich dazu keine politische Instanz kritisch gemeldet.

Über Sinn und Notwendigkeiten von „Liberation in Progress“ und einiger weiterer mehr oder minder privater Anstrengungen muss allein deshalb nichts weiter gesagt werden.

 

Schöne Grüße,

 

Herbert Nichols-Schweiger

Steirische Kulturinitiative


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